Vom Herzkatheter zum Line-Dance-Weltrekord

Vom Herzkatheter zum Line-Dance-Weltrekord

28 Grad auf knapp 2.000 Metern Höhe, Hunderte Menschen in bunten Outfits und eine eigens für diesen Anlass entwickelte Choreografie: Für Helene Riechert war der Line-Dance-Weltrekord im österreichischen Zell am See-Kaprun ein unvergessliches Erlebnis. Gemeinsam mit 959 weiteren Tanzbegeisterten nahm sie am höchstgelegenen Country- und Western-Line-Dance-Workshop der Welt teil. „Es war einfach ein tolles Gefühl, da mitzutanzen und das einmal zu erleben“, erzählt die 69-jährige. „Wir waren alle stolz drauf, dass wir es geschafft haben.“

Dabei hatte die leidenschaftliche Line-Dancerin zwischenzeitlich befürchtet, ihre lange geplante Reise absagen zu müssen. Denn bei einer Hausarzt-Untersuchung war eine Auffälligkeit am Herzen festgestellt worden. Weitere Untersuchungen im Herzzentrum Bonn zeigten, dass eine Herzkatheteruntersuchung notwendig war. Dabei entdeckten die Ärzte eine Verengung in einem Herzkranzgefäß und setzten einen Stent ein.

Wenn das Herz nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird

Hinter solchen Gefäßverengungen steckt häufig eine koronare Herzerkrankung, kurz KHK. Dabei entstehen durch entzündliche Prozesse und Ablagerungen in den Wänden der Herzkranzgefäße Engstellen. Diese Gefäße versorgen den Herzmuskel mit sauerstoffreichem Blut. Werden sie zu eng, kann der Herzmuskel insbesondere bei körperlicher Anstrengung nicht mehr ausreichend durchblutet werden.

„Das kann zu schwerwiegenden Symptomen führen, zu Enge in der Brust, zu Kurzatmigkeit, zu einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit und im schlimmsten Fall sogar zum Herzinfarkt“, erklärt Oberarzt Dr. Julian Jehle vom Herzzentrum Bonn. Allerdings können solche Verengungen auch lange unbemerkt bleiben – wie bei Helene Riechert, die vor ihrer Diagnose keine typischen Beschwerden verspürt hatte.

Bei ihr wurde die Engstelle mithilfe eines Stents behandelt. Das ist ein winziges Metallgitter, das über einen Katheter in das betroffene Herzkranzgefäß eingebracht und dort entfaltet wird. Es stützt die Gefäßwand von innen und hält die verengte Stelle offen, sodass der Herzmuskel wieder besser durchblutet werden kann.

Für Helene Riechert stand vor allem eine Frage im Raum: Würde sie trotzdem zum Line-Dance-Treffen nach Österreich fahren können? „Dann habe ich erst gedacht: Hm, weiß nicht, ob du mitfahren kannst“, erinnert sie sich. Doch der Eingriff verlief erfolgreich. Bei der Entlassung verabschiedete sie ihr Arzt mit den Worten: „Viel Spaß in Kaprun!“

Drei Wochen später stand sie tatsächlich mit Hunderten anderen Tänzerinnen und Tänzern auf der Schmittenhöhe. Selbst die ungewohnte Höhe machte ihr keine Probleme. „Habe auch gut Luft gekriegt auf dem Berg, noch besser als unten im Tal“, erzählt sie lachend.

Eine Geschichte, die auch die Ärzte begeistert

Einige Monate später liegt Helene Riechert erneut im Herzkatheterlabor des Herzzentrums Bonn. Diesmal soll abgeklärt werden, ob eine weitere Auffälligkeit an ihren Herzkranzgefäßen behandelt werden muss. Während Oberarzt Dr. Julian Jehle und Dr. Moritz Nöthel sie untersuchen, kommen sie mit ihrer Patientin ins Gespräch.

Herzkatheteruntersuchungen finden in der Regel ohne Vollnarkose statt. Die Patientinnen und Patienten sind wach und können sich während des Eingriffs mit den behandelnden Ärzten unterhalten. Für Helene Riechert ist das eine willkommene Ablenkung. Sie erzählt von ihrer Reise nach Kaprun, den Hunderten Tänzerinnen und Tänzern und dem Weltrekord, den sie nur drei Wochen nach ihrer Stentimplantation geschafft hat.

Auch für die beiden Ärzte ist das eine außergewöhnliche Geschichte. „Das ist der Grund, weshalb ich Kardiologe geworden bin“, sagt Jehle. Schon während seines Studiums habe ihn fasziniert, wie sehr sich das Leben von Patientinnen und Patienten durch einen vergleichsweise kleinen Eingriff verändern könne.

„Wir wollen, dass unsere Patienten körperlich aktiv sind, und zwar nach Möglichkeit mehr als vor dem Stent“, erklärt der Oberarzt. Eine erfolgreiche Stentimplantation könne häufig eine normale körperliche Belastung ermöglichen. Voraussetzung sei allerdings, dass auch die übrige Herzfunktion und mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigt werden. Wie stark sich jemand belasten darf, müsse deshalb immer individuell beurteilt werden.

Dass Helene Riechert kurz nach ihrer Behandlung bereits wieder auf einem Berg tanzen konnte, freut die Ärzte besonders. „Es ist für uns besonders schön, so eine Geschichte nachzuverfolgen und erzählt zu bekommen, dass sie dann diesen tollen Erfolg hatte“, sagt Jehle.

Stresstest im Herzkatheterlabor: Muss ein weiterer Stent eingesetzt werden?

Bei der erneuten Untersuchung geht es um eine wichtige Frage: Ist eine auffällige Engstelle tatsächlich so ausgeprägt, dass sie die Blutversorgung des Herzmuskels beeinträchtigt?

Denn nicht jede Verengung, die auf den Bildern der Herzkranzgefäße sichtbar ist, muss automatisch mit einem Stent behandelt werden. Entscheidend ist, ob sie den Blutfluss zum Herzmuskel relevant einschränkt.

Um das herauszufinden, unterziehen Jehle und Nöthel Helenes Herz während der Katheteruntersuchung einem speziellen Stresstest. Dabei prüfen sie unter kontrollierten Bedingungen, ob die Engstelle die Durchblutung des Herzmuskels bei erhöhter Belastung relevant beeinträchtigt. So können die Kardiologen beurteilen, ob ein weiterer Stent medizinisch notwendig ist oder ob auf einen zusätzlichen Eingriff verzichtet werden kann.

Bei Helene Riechert fällt das Ergebnis erfreulich aus: Die vermutete Engstelle erweist sich bei der Messung als nicht relevant für die Durchblutung. Ein weiterer Stent ist nicht notwendig.

Für die Patientin bedeutet das: kein zusätzlicher Eingriff, keine weitere Gefäßstütze – und die Gewissheit, dass die untersuchte Stelle derzeit keine Behandlung benötigt. Für die Ärzte ist es ein gutes Beispiel dafür, warum die genaue Funktionsprüfung der Herzkranzgefäße so wichtig ist. Sie hilft dabei, nur dann einen Stent einzusetzen, wenn die Patientin tatsächlich davon profitiert.

Der nächste Auftritt wartet schon

Nach einem abschließenden Gespräch verabschiedet Dr. Moritz Nöthel seine Patientin aus dem Herzzentrum. Seine Empfehlung: Am nächsten Tag noch etwas schonen und das Line-Dance-Training ausnahmsweise einmal ausfallen lassen. Schließlich braucht auch eine begeisterte Tänzerin nach einer Herzkatheteruntersuchung ein wenig Erholung.

Lange wird die Tanzpause allerdings nicht dauern. Denn schon am kommenden Wochenende steht für Helene Riechert der nächste Auftritt mit ihrer Line Dance-Gruppe in Köln auf dem Programm.

Und die Choreografie? „Die sitzt“, sagt sie lachend. Ein paar Proben könne sie allerdings noch gebrauchen. Denn nach dem Weltrekord ist für sie eines klar: Getanzt wird weiter.

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