AG Cardiovascular Genetics

Genetische Faktoren tragen wesentlich zur Prädisposition, Manifestation und Progression kardiovaskulärer Erkrankungen bei und rücken zunehmend in den Fokus der kardiovaskulären Forschung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Erkrankungen der Aortenklappe, insbesondere der bikuspiden Aortenklappe und der Aortenklappenstenose. Diese zählen zu den häufigsten Herzklappenerkrankungen und stellen weltweit eine wachsende gesundheitliche und sozioökonomische Belastung dar.

Eine zunehmende wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Aortenklappenerkrankungen eine komplexe und heterogene genetische Architektur aufweisen. Neben seltenen genetischen Varianten mit größerer Effektstärke, die insbesondere bei familiären oder syndromalen Formen relevant sein können, tragen häufige genetische Varianten mit jeweils moderater Effektstärke additiv zum Erkrankungsrisiko bei. Diese können unterschiedliche biologische Signalwege der Klappenentwicklung, Kalzifizierung und Inflammation betreffen.

Ein besseres Verständnis dieser komplexen genetischen Architektur ermöglicht nicht nur neue Einblicke in die Pathophysiologie dieser Erkrankungen, sondern eröffnet auch Perspektiven für Früherkennung, Prävention und die Entwicklung individualisierter Therapieansätze.

Um diese Fragestellungen systematisch zu adressieren, wurde am Herzzentrum Bonn in Kooperation mit dem Institut für Humangenetik das Konsortium GUARD (Genes Underlying Aortic Valve Disease, Hintergrundinformationen siehe auch www.guard-net.de) gegründet. Dieses interdisziplinäre Netzwerk widmet sich der umfassenden Untersuchung genetischer Ursachen und Risikofaktoren valvulärer Herzerkrankungen.

Bisherige Forschungserkenntnisse

Genetik und Pathophysiologie der bikuspiden Aortenklappe

Die bikuspide Aortenklappe ist die häufigste angeborene Herzklappenfehlbildung und stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Entwicklung einer Aortenklappenstenose dar. In einer Studie mit mehr als 2.200 Patientinnen und Patienten mit bikuspider Aortenklappe konnten wir eine neue genetische Risikovariante (MUC4) auf Chromosom 3 identifizieren. Funktionelle Analysen im Zebrafischmodell zeigten, dass Veränderungen im Zielgen mit einer verzögerten Entwicklung der Herzklappe assoziiert sind. Dies weist auf die pathophysiologische Relevanz dieser genetischen Variante hin (DOI: 10.1093/cvr/cvac099).

Verzögerung der Valvulogenese bei Verlust von MUC4 im Zebrafisch.

In einer weiteren Studie untersuchten wir die Rolle seltener monogener Varianten bei nicht-syndromaler bikuspider Aortenklappe. In einer Kohorte von 740 Patientinnen und Patienten fanden sich als schädigend vorhergesagte Varianten in bekannten Krankheitsgenen (u. a. NOTCH1 und SMAD6) nur in etwa 2 % der Fälle, ohne signifikante Anreicherung gegenüber Kontrollen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Mehrzahl der sporadischen Fälle durch eine komplexe polygene Architektur bedingt ist (DOI: 10.1038/s41431-025-01909-7).

Im Rahmen einer internationalen Kooperation führten wir eine GWAS-Metaanalyse mit 9.631 Patientinnen und Patienten mit bikuspider Aortenklappe durch. Dabei konnten 36 genetische Risikovarianten identifiziert werden, von denen 32 bislang nicht bekannt waren. Transkriptomische Analysen aus humanen Aortenklappen und kardiovaskulären Geweben priorisierten unter anderem KANK2, ERBB4, PRDM6 und STRN als Kandidatengene, bei denen die genetische Assoziation vermutlich über eine veränderte Genexpression vermittelt wird. Funktionelle Analysen in Zebrafischmodellen zeigten anschließend, dass Veränderungen in vier Kandidatengenen (WNT4, LEF1, STRN und KANK2) die Herzentwicklung stören können. Diese Ergebnisse zeigen, dass auch der bikuspiden Aortenklappe in erheblichem Umfang eine polygene Architektur zugrunde liegt, bei der häufige genetische Varianten additiv zum Erkrankungsrisiko beitragen (DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.125.074752).

Priorisierung kausaler Kandidatengene durch transkriptomische Analysen.

Genetische Risikofaktoren der Aortenklappenstenose

Die Aortenklappenstenose ist die häufigste erworbene Herzklappenerkrankung im Erwachsenenalter. In einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) mit mehr als 18.000 Patientinnen und Patienten mit Aortenklappenstenose und über 430.000 Kontrollen konnten wir 17 genetische Risikovarianten identifizieren. Bemerkenswerterweise erwies sich der Großteil dieser Risikovarianten als unabhängig von den genetischen Faktoren der koronaren Herzkrankheit. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Aortenklappenstenose eine eigenständige genetische Risikostruktur aufweist, die durch verschiedene biologische Signalwege und gewebespezifische Genexpressionsmuster geprägt ist (DOI: 10.1001/jamacardio.2024.3738).

Im Rahmen einer multiethnischen GWAS-Metaanalyse mit 86.864 Patientinnen und Patienten mit Aortenklappenstenose unter 2,85 Millionen Kontrollen identifizierten wir insgesamt 261 unabhängige genetische Risikovarianten. Davon waren 223 Risikovarianten bislang nicht bekannt. Durch die Integration von Transkriptomdaten aus humanen Aortenklappen konnten Gene priorisiert werden, deren Expression das Risiko für Aortenklappenstenose beeinflusst. Besonders relevante Signalwege betrafen den Lipidstoffwechsel, Inflammation, TGF-β-Signalgebung sowie die Aktin- und Zytoskelett-Biologie. Darüber hinaus wurde in dieser Studie ein neuer polygener Risikoscore für Aortenklappenstenose entwickelt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Aortenklappenstenose genetisch stark polygen geprägt ist. Klinisch sind diese Erkenntnisse insbesondere für Prävention, Risikostratifizierung und die Entwicklung neuer medikamentöser Therapieansätze von Bedeutung (DOI: 10.1038/s41588-025-02417-6).

GWAS Manhattan Plot.

Aktuelle Forschungsprojekte

Aufbauend auf unseren bisherigen Ergebnissen führen wir gemeinsam mit dem Institut für Humangenetik groß angelegte Studien zur weiteren Aufklärung der genetischen Ursachen der Entwicklung der bikuspiden Aortenklappe sowie der Aortenklappenstenose durch. Dabei untersuchen wir unter anderem, welche genetischen Risikovarianten spezifisch mit einer bikuspiden beziehungsweise trikuspiden Aortenklappenstenose assoziiert sind. Parallel dazu rekrutieren wir Patientinnen und Patienten in frühen Krankheitsstadien mit leichter oder mittelgradiger Aortenklappenstenose. Ziel ist es, genetische Faktoren zu identifizieren, die das Fortschreiten der Erkrankung begünstigen.

Das langfristige Ziel unserer Forschungsgruppe besteht darin, genetische Marker für die Manifestation und Progression der Aortenklappenstenose zu identifizieren und dadurch die Grundlage für neue präventive und therapeutische Strategien zu schaffen. Perspektivisch könnte es so gelingen, Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Risiko frühzeitig zu erkennen und gezielt pharmakologisch zu behandeln, mit dem Ziel, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder aufzuhalten. Dadurch könnte in vielen Fällen ein operativer oder interventioneller Klappenersatz hinausgezögert oder möglicherweise vermieden werden.

Mitglieder & Kontakt

Priv.-Doz. Dr. med. Baravan Al-Kassou — AG-Leitung
E-Mail: baravan.al-kassou@ukbonn.de

Christine Ratke (Study Nurse)
E-Mail: christine.ratke@ukbonn.de

Studienambulanz GUARD
Tel.: +49 (0) 228 287-25036
Fax: +49 (0) 228 287-90-25105

Kooperationspartner

  • Prof. Dr. med. Markus M. Nöthen, Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Bonn
  • Prof. Dr. med. Johannes Schumacher, Zentrum für Humangenetik, Universitätsklinikum Marburg
  • Prof. Dr. med. Maximilian Billmann, Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Bonn
  • Prof. Dr. med. Malte Kelm, Klinik für Kardiologie, Pneumologie & Angiologie, Universitätsklinikum Düsseldorf
  • Prof. Dr. med. Tobias Zeus, Klinik für Kardiologie, Pneumologie & Angiologie, Universitätsklinikum Düsseldorf
  • Prof. Dr. med. Stephan Baldus, Klinik III für Innere Medizin – Allgemeine und interventionelle Kardiologie, Universitätsklinikum Köln
  • Prof. Dr. rer. nat. Salim Seyfried, Department for Animal Physiology, University of Potsdam
  • Dr. Aeron Michael Small, MD, Division of Cardiovascular Medicine, Harvard Medical School, Boston, MA, USA
  • Ass.-Prof. Sébastien Thériault, Institut universitaire de cardiologie et de pneumologie de Québec, Université Laval, Quebec, CA
  • Prof. Simon C. Body, Department of Anesthesiology, Boston University, MA, USA
  • Prof. Pradeep Natarajan, Cardiology Division, Massachusetts General Hospital, Harvard Medical School, Boston, MA, USA

© 2026 Herzzentrum Bonn Impressum Datenschutzerklärung Privatsphäre-Einstellungen Made with ♥ by schwarzdesign